Zeitzeugin Henriette Kretz: „Was damals geschehen ist, darf sich nie wiederholen.“

 

 

 

Schlüsse aus der Vergangenheit ziehen – darum geht es, sagt Henriette Kretz, die zu der Organisation „Kinder des Holocaust“ gehört und den 150 Neuntklässlern der Gesamtschule Sulzbachtal berichtet, wie sie der Ermordung durch die Gestapo entkam.

 

Die Schülerinnen und Schüler hören der zierlichen energischen Frau gebannt zu. Ihre Stimme, ihre Gesten, und auch ihre Art zu erzählen sind es, die diese unfassliche Zeit, die so weit weg, so anders erscheint, plötzlich ganz nah heranholen. Henriette Kretz erzählt sachlich, aber nicht nur die äußeren schrecklichen Ereignisse – wie ihre Familie von der Gestapo gejagt und verhaftet wurde –, sondern mit wenigen eindringlichen Worten vermittelt sie auch, was im Innersten des Kindes, das sie einmal war, vorging. So können sich ihre Zuhörer in die kleine Henriette hineinversetzen, die von einem beschützten „Prinzesschen“ zu einem von den Nationalsozialisten ausgestoßenen, verachteten Menschen ohne Rechte gemacht wurde.

 

Für die fünfjährige Henriette Kretz war 1939 die Welt in Ordnung: Sie lebte glücklich und geborgen mit ihren Eltern im polnischen Opatów. Ihr Vater war Arzt und ihre Mutter Juristin. Dem Mädchen war nicht bewusst, dass sie Jüdin war. Das erfuhr sie erst, als ihre Familie nach der deutschen Besetzung Polens Opfer der systematischen Verfolgung der polnischen Juden wurde. Der Vater verlor seine Stelle, Henriette durfte nicht mehr zur Schule gehen, die Familie musste in das Ghetto in Sambor ziehen.

 

Von Gestapo-Leuten mit dem Gewehr im Anschlag wurden die jüdischen Bewohner der Stadt wie Verbrecher durch die Straßen geführt, unter den Blicken der anderen. „Ich hatte keine Angst“, sagt Henriette Kretz, „aber noch heute spüre ich dieses starke Gefühl der Scham. War ich nun ein ‚Untermensch‘? Und was machte mich dazu?“

Ihre Eltern wurden in Henriettes Beisein von SS-Schergen erschossen, das Kind aber konnte fliehen. „Als ich die beiden Schüsse hörte, wusste ich: Jetzt war ich Waise.“ Sie überlebt den Holocaust in Verstecken – unter anderem in einem von Nonnen geführten Waisenhaus, in dem noch weitere verfolgte Kinder unterkamen. „Mein Glaube an die Menschheit ist nicht zerstört, weil es Menschen gab, die uns gerettet haben – und damit ihr eigenes Leben riskierten.“

Nach dem Krieg traf Henriette Kretz durch Zufall ihren einzigen überlebenden Verwandten, ihren Onkel Heinrich, bei dem sie dann auch bleiben konnte. Sie studierte nach dem Abitur Kunstgeschichte und arbeitete lange als Lehrerin in Israel. Heute ist sie 80 Jahre alt und lebt in Antwerpen. Sie hat zwei Söhne und drei Enkel.

Was sie fühle, wenn sie jetzt in Deutschland sei, fragt eine Schülerin, wo doch die Deutschen ihre ganze Familie umgebracht haben. „Waren Sie das denn?“, fragt Henriette Kretz zurück, und fährt fort: „Nein! Ich komme ja zu Ihnen, weil wir ankämpfen wollen gegen das Vergessen, wir sind für die Zukunft da, für Sie – damit es keine Ausgrenzung gegen Nationen, Religionen oder Rassen mehr gibt. Ich kenne nur eine Rasse, und das sind die Menschen!“