"Ich kann doch lesen!", empört sich Tom, 5. Klasse, als er die Einladung zur Lesewerkstatt bekommt. Natürlich hat er Recht - in unseren Anfangsklassen können alle Kinder lesen! Aber: Das Entschlüsseln schwieriger Texten mit Schaubildern, Fotos und Tabellen kann bei manchen Kindern noch verbessert werden, durch die konzentrierte und individualisierte Übung in der Lesewerkstatt. Dies hilft den Schülerinnen und Schülern nicht nur im "Lesefach" Deutsch, sondern auch zum Beispiel bei Textaufgaben in Mathematik, bei Fragen in schriftlichen Tests oder bei Lehrbuchtexten zu wissenschaftlichen Themen.

Besser lesen - mehr Spaß am Lesen - mehr Erfolg in der Schule

Um diese Schlüsselqualifikation Lesen bei den Schülerinnen und Schülern weiter auszubauen, gibt es an der Gesamtschule Sulzbachtal die beiden Lesewerkstätten. In der fünften und sechsten Klasse werden die Kinder im Rahmen des Deutschunterrichts auf ihre Lesefähigkeit getestet. Wenn dabei klar wird, dass ein Kind Förderbedarf hat, nimmt es an einem rund sechzehnstündigen Kurs der Lesewerkstatt teil. Hier arbeiten jeweils zwei DeutschlehrerInnen mit einer kleinen Gruppe (höchstens vierzehn Kindern). Die Schule hat die Teilnahme für die ausgewählten Kinder zur Pflicht gemacht und die Erfolge werden auf dem Zeugnis vermerkt.

Dabei spielt nicht das laute Vorlesen die Hauptrolle, sondern das verstehende Lesen. Können die Kinder möglichst selbstständig Informationen aus einem Text herauslösen, zusammentragen und nach bestimmten Gesichtspunkten neu organisieren? Dabei sind viele Einzelfähigkeiten wichtig:

  • einen Text überfliegen und das Thema erraten;
  • wichtige Gestaltungsmerkmale - Überschriften, Zusammenfassungen, Bilder etc. - wahrnehmen und nutzen;
  • sich daran erinnern, was man schon zu dem Thema weiß (um Anknüpfungspunkte für das neue Wissen zu finden);
  • sorgfältig lesen - und markieren, was man nicht versteht;
  • Unverständliches aus dem Textzusammenhang oder mit Wörterbüchern klären;
  • Wichtiges Markieren, Kernaussagen finden;
  • Diagramme in Worte fassen;
  • Tabellen oder Landkarten verstehen und mit den Textaussagen verbinden;
  • Mindmaps zu den Textinformationen anlegen;
  • Fragen zum Text beantworten;
  • den Text mit eigenen Worten zusammenfassen;
  • eine eigene Meinung zu dem Text und seiner Aussage formulieren.
  • u.v.m.
Bei all diesen Einzelkompetenzen spielen natürlich auch die Konzentrationsfähigkeit und die Motivation eine wichtige Rolle - und ganz wichtig ist das Bild, das die Kinder von sich selbst als "Leserin" oder "Leser" haben. Wer immer wieder erfährt, dass Lesen "nichts bringt", weil Texte eben in weiten Teilen unverständlich sind, der wird auch bald sagen: "Lesen ist doof."

"Muss ich nachsitzen in der Lesewerkstatt?"
Die Lesewerkstätten stellen sich für die ausgewählten Kinder zunächst als Mehrarbeit, vielleicht sogar als "Nachsitzen" dar. Wenn Eltern und Lehrer sie jedoch einmal überredet haben, teilzunehmen, legt sich dieses Gefühl meistens schnell. Denn das konzentrierte Arbeiten in kleinen Lerngruppen, die volle Aufmerksamkeit von zwei Lehrkräften und die Erfahrung "Ach, ich verstehe ja den Text!" motivieren die Kinder zum Durchhalten. Und die Belohnung winkt: Keine Angst mehr vor schwierigen Texten!

Lesewerkstatt 5
Die Fünftklässler lesen spannende Kriminalgeschichten und andere Stories mit der Technik des "Reziproken Lesens". Dabei werden grundlegende Einzelfähigkeiten des Lesens in kleinen Gruppen geübt: Während eine Schülerin zum Beispiel einen Textabschnitt vorliest und den anderen Fragen dazu stellt, fasst ein anderer Schüler den Abschnitt mit eigenen Worten zusammen, eine dritte versucht, Unklares zu klären und ein vierter stellt Vermutungen darüber an, wie es weitergehen könnte. So entschlüsseln die Schülerinnen und Schüler den Text Stück für Stück gemeinsam - niemand ist überfordert und die Lesekompetenzen werden trainiert. Am Ende lösen die Kinder die "Fälle" gemeinsam, es gibt ein kleines "Examen" und ein Lesediplom.

Lesewerkstatt 6
Die Sechstklässler, nun schon älter und konzentrationsfähiger, arbeiten in der Lesewerkstatt meist in Stillarbeit, nicht in Gruppenarbeit. Sie werden mit dem Online-Testsystem des Cornelsen-Verlags getestet (http://www.cornelsen.de/foerdern/1.c.1637985.de).

Aus der ebenfalls im Internet erfolgenden Auswertung erhalten die Lesetrainerinnen ein Bild über konkrete Schwächen im Leseverstehen, die in der Lesewerkstatt gezielt gestärkt werden können. Der Verlag liefert im Rahmen der Jahreslizenz auch Texte mit Aufgaben speziell zu den aufspürten Kompetenzlücken. Ein Beispiel: In einem Bericht über den Hai müssen die Kinder in der Lesewerkstatt über den ganzen Text und Schaubilder verteilte Informationen zusammentragen, um die Aufgaben zu bearbeiten. Mit den Lesetrainerinnen gemeinsam überprüfen sie dann jeweils ihre Lösungen. Auch hier erhalten sie am Ende ein Lesediplom.

Die Lesewerkstätten sind Teil des Gesamtkonzepts "Lesende Schule" an der Gesamtschule Sulzbachtal. Wir setzen wir auch im Hinblick auf Chancengleichheit aller Schülerinnen und Schüler auf die Leseförderung.

Nur wer gut liest, liest gerne. Und Lesen lernt man nur durch Lesen!